Lääne-Virumaa

Statistische und geographische Angaben

Der Kreis Lääne-Virumaa (Wierland) liegt im nördlichen Teil Estlands an der Küste des Finnischen Meerbusens. Sein Territorium erstreckt sich über 3.463 km², die Einwohnerzahl beträgt 79.750 Menschen. Die 1226 erstmals erwähnte Kreisstadt Rakvere mit ihren derzeit etwa 20.100 Einwohnern dient seit Jahrhunderten als kulturelles und politisches Zentrum der Region. Die nächstgrößeren Städte sind Kunda mit 5.000 Einwohnern und Tapa mit 10.300 Einwohnern (Stand: 1995).

Lääne-Virumaa wird durch zwei Landschaftsformen geprägt: Die vom eiszeitlichen Meer zurückgelassene Küste ist steinig, der Boden dort stark kalkhaltig. Im Landesinnern liegen dagegen fruchtbare Felder zwischen kilometerlangen Wallrücken und Moränenniederungen. Mit dieser außergewöhnlichen Differenz im Erscheinungsbild der Landschaft setzt sich das estnische Nationalepos Kalevipoeg auseinander.

Auf die ursprüngliche Vegetation weisen nur einige kleine Eichenwälder sowie die zahlreichen Ortsnamen mit “tamm” (estn. Eiche) hin. Eine der größten Waldungen befindet sich auf dem hohen Wallrücken bei Rakvere. Auf einer Fläche von 29 Hektar sind aus den Strünken der im Livländischen Krieg gefällten Bäume krummstämmige, mittlerweile jahrhundertealte Eichen gewachsen.
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Im nordwestlichen Teil des Kreises liegt der Nationalpark Lahemaa, der 1971 bei seiner Gründung der erste seiner Art in der Sowjtunion war. Mehr als die Hälfte seiner Gesamtfläche entfällt auf das Kreisgebiet Lääne-Virumaas. Das Fischerdorf Altja und die Gutsgebäude in Palmse samt Gärten sind beredte Zeugen der Vergangenheit des Kreises. Dazu gehört auch das berühmte “Dorf der Kapitäne”, Käsmu. Landschaftlich besonders malerisch zeigen sich die Seen von Viitna. Vom Ufer des Pikkjärv streift der Blick über das klare Wasser, Inseln und den Wald.
Neben Laheema sind die sagenumwobenen Seen von Neeruti bzw. Porkuni und die mit Wäldern und Kornfeldern bedeckten Hügel von Pandivere oberhalb der Landstraße Tallin – St. Petersburg landschaftlich reizvoll.

Kultur und Wirtschaft

Von der Kultur in Vergangenheit und Gegenwart zeugen die Baudenkmäler des Kreisgebietes: Neben den mittelalterlichen Kirchen sind es vor allem die landesherrlichen Bauten, die die Aufmerksamkeit auf sich lenken. Besonders zahlreich sind die baulichen Hinterlassenschaften des Deutschen Ritterordens, welche ansatzweise auf im Wappen des Kreises wiederzufinden sind.

1988 wurde das restaurierte Ordensschloß Rakvere als Museum eingerichtet und der Öffentlichkeit für kulturelle Veranstaltungen zur Verfügung gestellt. In diesem Zusammenhang ist auch das einzigartige Vasallenwohnhaus, eine “Turmburg”, in Vao zu erwähnen. Die aus dem 18. Jahrhundert stammende Schänke Viitna ist ein sprechendes Beispiel der traditionellen Holzarchitektur in der Region. Das restaurierte Gutshaus Rägavere ist Schauplatz von Konzerten und Theateraufführungen. Im ehemaligen Herrenhaus Sagadi befindet sich ein Waldmuseum. In Rakvere befinden sich darüber hinaus kulturelle Einrichtungen wie das Schauspielhaus, das Heimatmuseum, das Bürgerhaus-Museum und die Zentralbibliothek.

Aufgrund der günstigen Umweltbedingungen gehört der Kreis Lääne-Virumaa zu den bevorzugten Standorten für Pflanzenbau und Viehzucht in Estland. Fast eine halbe Million Menschen werden von hier aus jährlich mit Nahrungsmitteln versorgt. Für die Landwirtschaft ist die in Tamsalu ansässige Kraftfutterproduktion von besonderer Bedeutung.

Nachdem über Jahrhunderte hinweg Land- und Forstwirtschaft treibende Elemente der wirtschaftlichen Entwicklung waren, hat sich in den letzten Jahrzehnten der industrielle Anteil rund um Rakvere erhöht. Unter den im Kreis ansässigen Industriezweigen steht die Herstellung von Baustoffen an erster Stelle. In Rakke und Tamsalu wird seit dem vorigen Jahrhundert Kalk gebrannt. Die Städte Tapa und Kunda machen als Eisenbahnknotenpunkt bzw. Standort einer bedeutenden Zementindustrie von sich reden. Sie entstanden während der Industrialisierung in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts.

Industrie und Landwirtschaft stehen als Wirtschaftsfaktoren gleichberechtigt nebeneinander. Lääne-Viruma gilt als der am ausgeglichensten entwickelte Wirtschaftsraum Estlands.